Thema des Monats September 2010

Abbildung 1: Verlegearbeiten eines HGÜ-Unterseekabels auf den Grund der Nordsee im Rahmen des NorNed-Projektes zur Verbindung der niederländischen und norwegischen Stromnetze. (Foto ABB)

Dem Mittelmeersolarplan der Europäischen Union zufolge sollen im Jahr 2020 bis zu 20 Gigawatt (GW) Solarstrom in der Sahara produziert und Teile davon nach Europa transportiert werden. Der bisher offenen Frage des Transports widmet sich seit Juli 2010 das deutsch-französische Unternehmens-Konsortium Transgreen.

Die Europäische Union will bis zum Jahr 2020 den Energieverbrauch und den Treibhausgasausstoß in den 27 Mitgliedstaaten um jeweils 20 Prozent senken, parallel soll der Anteil der erneuerbaren Energien auf 20 Prozent des Gesamtenergieverbrauchs gesteigert werden (sogenannte „20-20-20-Strategie“). Für diese Absicht spielt die Solarenergie eine bedeutende Rolle. Bereits 2008 hat Brüssel deswegen den Mittelmeer-Solarplan (MSP) verkündet. Ziel des MSP ist es, bis zum Jahr 2020 20 GW erneuerbare Energien im Mittelmeerraum zu produzieren und bis zu einem Viertel davon nach Europa zu transportieren. Da es sich dabei vorrangig um aus Sonnenenergie erzeugten Strom handeln soll, ist die Sahara als Produktionsstandort prädestiniert. Einer Studie des Europäischen Fachverbands für Solarthermie (ESTELA) zufolge, würden bereits 0,4 Prozent der Sahara-Fläche ausreichen, um den gesamten Strombedarf Europas aus Sonnenenergie zu decken.

Im vergangenen Jahr hat sich die privatwirtschaftliche DESERTEC Industrial Initiative (DII GmbH), der neben Siemens und E.ON auch italienische und spanische Stromversorger und -Netzbetreiber angehören. Sie will Pressesprecher Alexander Mohanty zufolge bis 2050 bis zu 15 Prozent der europäischen Stromversorgung durch Wüstenstrom abdecken. Während die Produktion des Solarstroms auf einem guten Weg scheint, fand die Frage des Transports bisher wenig Beachtung. Aus technischer Perspektive sei das aber kein Problem, meint Ulrich Reininghaus, Presseverantwortlicher für elektrische Netze beim Elektrotechnik-Konzern ABB Ltd der auch dem DII-Konsortium angehört: „Die Technik, die man braucht, ist vorhanden. Das Problem ist, das System aufzubauen, die politische Entscheidung dafür zu treffen.“ An diesem Punkt setzt Transgreen an. Das Konsortium, das sich am 5. Juli 2010 gründete, steht unter der Führung der französischen Elektrizitätsgesellschaft EDF und vereint neben Siemens aus Deutschland auch den französischen Kabelhersteller Nexans.


Abbildung 2: Für die Stromproduktion in der Sahara am besten geeignet scheint die Technik der Solarthermie. Am weitesten verbreitet sind derzeit Parabolrinnenkraftwerke. Das Bild zeigt ein solches Kraftwerk in der Mojave-Wüste. (Siemens-Pressebild)

Bei der Frage des Transports wird es auch um die Wahl der richtigen Spannung und Stromleitungen gehen. Innerhalb Europas wird Strom hauptsächlich in Form von dreiphasigem Wechselstrom übertragen. Vorteil dieser Übertragungsweise ist die einfache Regulierung von Spannung und Frequenz sowie die unproblematische Abzweigung größerer Strommengen. Nachteil der Wechselstromübertragung sind hohe Stromverluste bei längeren Distanzen. Bei einer 380-Kilovolt-Wechselstromleitung gehen auf 1.000 km Länge etwa 15 Prozent der übertragenen Strommenge verloren. Bei Unterseekabeln steigen die Verluste auf gut 60 Prozent bei einer 100 km langen 750 Kilovolt-Leitung. Aufgrund dessen kommen für die Übertragung von Solarstrom aus Afrika nur Hochspannungsgleichstrom-übertragungs-Leitungen (HGÜ) in Frage. Bei einer unterseeischen HGÜ-Leitung beträgt der Verlust auf 1.000 km Länge zwischen drei und vier Prozent. Problematisch bei der Übertragung in Form von Gleichstrom ist die Erhöhung oder Senkung von Spannungszahlen und damit die Anpassung an die lokalen Stromnetze. Deswegen eignen sich HGÜ-Leitungen nur für den Ferntransport, sie sind gewissermaßen Stromautobahnen, die durch ein konventionelles Wechselstromnetz ergänzt werden müssen. Zwischen Europa und Afrika existiert derzeit nur eine größere Verbindung: eine 400 Kilovolt-Wechselstromleitung in der Straße von Gibraltar, die bis zu 1.400 Megawatt vor allem von Spanien nach Marokko transportiert. Für die Umsetzung des Mittelmeer-Solarplans bedarf es also einer Reihe neuer transmediterraner Stromverbindungen. Sollen 2020 tatsächlich 5 GW nach Europa transportiert werden, müssten laut Nexans-Pressesprecherin Celine Revillon etwa sechs Leitungen mit einer Kapazität von jeweils einem Gigawatt gebaut werden. Die geschätzten Investitionskosten dafür sind hoch. Nach unterschiedlichen Angaben fallen pro 1.000 Kilometer HGÜ-Unterseekabel (600-800 Kilovolt) etwa 1,8 bis 2,5 Milliarden Euro an. Dazu kommen Unsicherheitsfaktoren rechtlicher Natur: „Wenn ein Kabel ein anderes Kabel – egal ob Strom- oder Fernsehkabel – kreuzt, müssen Sie Lizenzen kaufen.“, erklärt Ulrich Reininghaus.

Das Transgreen-Konsortium wird in den kommenden drei Jahren vor allem Machbarkeitsstudien durchführen, das bisher vereinbarte Budget fällt dementsprechend mit zwei bis drei Millionen Euro recht gering aus. Dennoch wird Transgreen von vielen Seiten gelobt. Die DII GmbH begrüßt die Initiative: „Die Fragestellung von Transgreen ergänzt sich gut mit den Problemen, mit denen sich die DII beschäftigt“, bekennt Pressesprecher Mohanty. Auch der Umweltverband Greenpeace Deutschland sieht Transgreen positiv und hat nur geringfügige Bedenken gegen die Verlegung von Seekabeln, erklärt Andree Böhling: „Diese sind für einen Umbau der Energieversorgung in Richtung erneuerbare Energien notwendig und heute auch schon vielfach verwendet worden. Es sollten aber ökologische Kriterien und Mindeststandards bei der Trassenlegung eingehalten werden.“

Der Weg zum Baubeginn ist trotzdem noch lang. Bisher ungeklärt sind neben der Übernahme von Investitionskosten und der Erteilung von Lizenzen vor allem Einspeiseregelungen. Gerade die aber garantieren Investitionssicherheit und damit die Finanzierung der Kraftwerke und Stromleitungen. Erste Ergebnisse der Machbarkeitsstudien sollten Spätestens 2013 vorliegen. Dann wird sich zeigen, ob das Ziel, im Jahr 2020 5 GW Solarstrom aus der Sahara nach Europa zu transportieren, realistisch ist. Die EU jedenfalls käme damit ihrem 20-20-20-Ziel ein gutes Stück näher.

Autor: Benjamin Lummer (Politikwissenschaftler und freier Journalist)


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