Thema des Monats April 2009


Abb. 1: Der geplante Verlauf der Pipeline vom österreichischen Baumgarten bis zur türkischen Ostgrenze
Copyright: Nabucco Pipeline Company

Um Europas wachsenden Gasbedarf zu decken, muss die europäische Infrastruktur für den Gasimport in den kommenden Jahren bedeutend ausgebaut werden. Neben Flüssiggas-Terminals sind dafür vor allem auch neue Pipelines geplant. Die „Nabucco“-Pipeline soll ab 2014 Gas aus Zentralasien und dem Mittleren Osten nach Europa befördern. Dafür stellt jetzt auch die Europäische Union (EU) Mittel bereit.

Die Oper „Nabucco“ von Guiseppe Verdi handelt vom Streben des israelischen Volkes aus der babylonischen Gefangenschaft. Nicht aus der Gefangenschaft, wohl aber aus der Abhängigkeit von einigen wenigen Lieferländern soll die gleichnamige Pipeline Europa führen. Die Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union (EU) einigten sich beim Frühjahrsgipfel am 20. März darauf, das Projekt mit 200 Millionen Euro zu unterstützen.

Vertreter der europäischen Energiewirtschaft begrüßten die Entscheidung. Ein Sprecher des deutschen Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW): „Wir brauchen eine diversifizierte Struktur, was die Lieferländer und die Lieferrouten angeht. Jede neue Pipeline ist ein Beitrag zur Versorgungssicherheit in Europa.“

Derzeit erhalten die EU-Mitgliedstaaten 84 Prozent ihrer Gaslieferungen aus nur drei Ländern: Russland, Norwegen und Algerien. Dieser Anteil dürfte in den kommenden Jahren weiter wachsen. Denn während sich der Gasverbrauch in Europa in den letzten zwanzig Jahren mehr als verdoppelt hat, gehen die heimischen Reserven langsam zur Neige. Insbesondere bei der Stromerzeugung ist Gas vorerst jedoch nicht zu ersetzen und wird im kommenden Jahrzehnt die Kernenergie als zweitwichtigste Stromquelle hinter der Kohle ablösen, schätzt die Internationale Energieagentur (IEA).

Daher warnen Experten bereits vor möglichen Versorgungsengpässen, wenn die derzeitige Importkapazität von 310 Milliarden Kubikmetern nicht entsprechend ausgebaut wird. Geht es nach dem Willen der Europäischen Kommission, soll die Nabucco-Pipeline einen vierten Versorgungskorridor zu den gewaltigen Gasvorkommen in der Kaspischen Region und dem Mittleren Osten öffnen, von wo das Gas über die Türkei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn bis zur Verteilerstation im österreichischen Baumgarten gelangen könnte.


Abb. 2: Ankommendes Gas wird in der Verteilerstation im österreichischen Baumgarten in so genannten „Filter-Separatoren“ gereinigt und anschließend einer Qualitätskontrolle unterzogen.
Copyright: Nabucco Pipeline Company

Zur Realisierung des Projekts haben fünf Unternehmen aus den fünf potenziellen Transitländern 2004 die Nabucco Pipeline Company gegründet: OMV (Österreich), MOL (Ungarn), Transgaz (Rumänien), BEH (Bulgarien) und Botas (Türkei). Seit im Februar 2008 die deutsche RWE AG hinzu gekommen ist, hält jeder Partner 16,67 Prozent der Anteile. Als Owner’s Engineer wurde Ende 2007 das britische Unternehmen Penspen Limited engagiert, das derzeit mit dem detailed engineering beschäftig ist.

Von 2011 bis 2015 soll der Bau der 3.300 Kilometer langen Pipeline dauern. Das erste Gas könnte bereits ab 2014 fließen, wenn das erste Teilstück nach Ankara fertig gestellt und an schon vorhandene türkische Pipelines angeschlossen ist. In einem zweiten Schritt erfolgt von 2017 bis 2019 der Ausbau mit weiteren Kompressoren, so dass Nabucco planmäßig 2019 ihre volle Kapazität erreicht. In der Anfangsphase sollen acht, nach dem vollständigen Ausbau der Pipeline bis zu 31 Milliarden Kubikmeter Gas jährlich nach Europa strömen, das zunächst aus Aserbaidschan und Ägypten, später dann auch aus Turkmenistan, dem Irak und möglicherweise auch dem Iran kommen soll.
Für den Bau werden etwa 200.000 Pipeline-Rohre, zwei Millionen Tonnen Stahl und 11 Verdichtungsstationen benötigt. Mit einem Durchmesser von 56 Zoll (ca. 1420 mm) und einem Normdruck von 90 Bar liegt Nabucco im oberen Bereich des üblichen Spektrums für Ferngasleitungen.

Doch bis zum ersten Spatenstich ist es noch weit. Eine der offenen Fragen betrifft die Finanzierung, die zu 70 Prozent über Fremdkapital und zu 30 Prozent durch die Konsortialpartner erfolgen soll. Die veranschlagten Kosten sind von ursprünglich 4,4 auf 7,9 Milliarden Euro gestiegen. Das Projekt sei dadurch jedoch nicht gefährdet, sagt Christian Dolezal, Sprecher der Nabucco Pipeline Company: „Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung und die Europäische Investitionsbank wollen sich beteiligen, ebenso aber auch Kreditexportagenturen und andere große internationale Finanzinstitute. Der genaue Umfang wird noch verhandelt.“

Unsicher ist auch, ob überhaupt genug Gas kontraktiert werden kann, um die Pipeline zu befüllen. Dolezal ist auch hier optimistisch: „Allein das Yolatoan-Gasfeld in Turkmenistan würde ausreichen, um drei Nabucco-Pipelines zu füllen.“ Grundsätzlich sei es aber Sache der Gaskäufer, woher sie ihr Gas bezögen. Auf der Abnehmerseite gibt es laut RWE-Sprecher Michael Rosen jedenfalls kein Problem: „Eine unverbindliche Marktbefragung im Sommer 2008 hat ergeben, dass die Nabucco-Pipeline in der Endausbaustufe zu 100 Prozent überbucht sein wird.“

Ob Nabucco tatsächlich gebaut wird, entscheidet sich in diesem Jahr. Wesentliche Schritte stehen noch an: ein Zwischenregierungsabkommen der Transitländer, das den rechtlichen Rahmen für den Bau schafft, und das so genannte Open Season-Verfahren zur verbindlichen Vergabe der Transportkapazitäten. Da die Konsortialpartner 50 Prozent der Kapazitäten für sich beanspruchen, benötigen sie außerdem eine Ausnahmegenehmigung der Europäischen Kommission vom EU-Wettbewerbsrecht. Da könnte sich der EU-Förderbeschluss als gutes Omen erweisen, so Dolezal: „Speziell in der Endphase vor der finalen Investitionsentscheidung ist eine solche Unterstützung bedeutsam.“

Florian Wassenberg, M.A.
Politikwissenschaftler


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