Thema des Monats Oktober 2010

Abbildung 1: Kohlekraftwerke werden ab 2013 teuer
Quelle: E.ON AG

Dass der Klimaschutz seinen Preis hat, bekommen in Deutschland vor allem die Stromkunden zu spüren. Im vergangenen Jahr zahlten sie allein für die Förderung erneuerbarer Energiequellen mehr als zehn Milliarden Euro, berichteten kürzlich der Economist und die Neue Zürcher Zeitung. Ein erheblicher Kostenfaktor ist auch das Emissionshandelssystem der EU (EU Emission Trading System, EU ETS), das seit 2005 die Treibhausgasemissionen von Energiewirtschaft und Industrie EU-weit reguliert und 2013 in eine neue Phase eintritt. Für die CO2-Berechtigungen, deren Zuteilung bisher noch größtenteils kostenlos erfolgt, wird dann die Versteigerung an der Leipziger Strombörse EEX zum Regelfall. Je nach Preis der Zertifikate, der derzeit um die 15 Euro liegt, werden die deutschen Strompreise abermals steigen. Schuld ist in erster Linie der hohe Anteil an Kohlestrom. Die Energieversorger E.ON und RWE müssen schon heute jeweils 30-40 Prozent ihrer Zertifikate zukaufen und zahlen dafür mehrere hundert Millionen Euro im Jahr.

Ab dem Jahr 2013 wird es aber nicht für die Energieversorger, sondern auch für deren industriellen Großkunden teuer. Für die Stahlindustrie etwa sind die Stromkosten ein bedeutender Produktionsfaktor. Sie gehört wie auch die Aluminium-, die Chemische, die Papier- und die Zementindustrie zu den so genannten energieintensiven Industrien, bei denen die Energiekosten einen erheblichen Anteil an der Bruttowertschöpfung haben. Besonders die Herstellung von Elektrostahl ist sehr stromintensiv, die Energiekosten liegen hier bei über 10 Prozent, in der Aluminiumindustrie mit bis zu 25 Prozent sogar noch höher. „Seit Einführung des Emissionshandels haben sich die Strompreise in etwa verdreifacht, auch weil die Kosten für die CO2-Rechte an die Verbraucher weitergegeben werden“, sagt Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Auf etwa 365 Millionen Euro im Jahr schätzt die Wirtschaftsvereinigung Stahl jetzt schon die Belastungen durch die Strompreiswirkungen des Emissionshandels. Ab 2013 könnten die direkten und indirekten Belastungen durch den Emissionshandel auf bis zu eine Milliarde Euro jährlich steigen, so Kerkhoff.

Der Emissionshandel ist gewissermaßen die Antwort der Ökonomie auf den Klimawandel. Vor allem mit seiner Hilfe wollen die EU-Mitgliedstaaten ihre CO2-Emissionen bis zum Jahr 2012 gemäß den Vorgaben des Kyoto-Protokolls um acht Prozent und bis 2020 um 20 Prozent gegenüber 1990 senken. Die Idee wurde schon vor vielen Jahren im Umweltschutz entwickelt: Luft wird zur natürlichen Ressource erklärt, deren Belastung mit Treibhausgasen kostenpflichtig und an entsprechende Berechtigungen gebunden. Die Summe der Berechtigungen darf eine politisch festgelegte, von den Klimaschutzzielen der EU vorgegebene Obergrenze nicht übersteigen. Verfügt ein Unternehmen nicht über genügend CO2-Zertifikate, kann es seinen Ausstoß entweder durch Klimatechnologien verringern oder zusätzliche Berechtigungen erwerben. Unternehmen, die weniger Treibhausgase ausstoßen als erlaubt, können ihre nicht benötigten Zertifikate verkaufen. Auf diese Weise entsteht ein wirtschaftlicher Anreiz für Unternehmen, CO2 einzusparen, und die Reduktionsmaßnahmen werden dort durchgeführt, wo sie am rentabelsten sind - soweit die Theorie.


Abbildung 2: Energieintensiver Prozess: Stahlerzeugung im Konverterstahlwerk
Quelle: Stahl-Zentrum

Die Einführung des EU ETS erfolgt in drei Phasen: in der Pilotphase 2005-2007 wurden die Zertifikate vollständig kostenlos zugeteilt. Aktuell läuft die zweite Phase, in der nur ein geringer Teil der Zertifikate versteigert wird. Nach Angaben der Deutschen Emissionshandelsstelle (DEHSt) waren im vergangenen Jahr 1656 Anlagen in Deutschland emissionshandelspflichtig mit einem CO2-Ausstoß von zusammen knapp 430 Millionen Tonnen. Rund 390 Millionen der Berechtigungen erhielten sie kostenlos. Das wird sich ab 2013 ändern, denn dann sieht die EU-Emissionshandelsrichtlinie vom Dezember 2008 den Einstieg in die Vollauktionierung vor. Energiekonzerne müssen dann 100 Prozent ihrer Zertifikate käuflich erwerben, Industrieanlagen zunächst 20 Prozent. Dieser Anteil wird in den Folgejahren schrittweise auf 70 Prozent bis 2020 steigen.

Das große Manko des Emissionshandels ist, dass er auf die EU-Mitgliedstaaten beschränkt ist. Experten warnen seit Jahren davor, dass Unternehmen aus dem energieintensiven Sektor Produktionsstandorte und damit etliche der rund 750.000 Arbeitsplätze ins außereuropäische Ausland verlagern könnten. „Carbon Leakage“ heißt das im Fachjargon. Einige verstehen darunter gewissermaßen den Einstieg in die Entindustrialisierung Deutschlands, andere halten das für hoffnungslos übertrieben. Das Thema ist brisant, denn die Anerkennung als Leakage-gefährdete Branche ist mit handfesten materiellen Vorteilen verbunden. Dass die Stahl- und die Aluminiumindustrie dazugehören, ist aber wegen der starken Belastung durch den Emissionshandel und einer hohen internationalen Handelsintensität unter Experten relativ unumstritten. Bereits 2006 schlossen in Deutschland die ersten Aluminiumwerke wegen hoher Stromkosten, andere Standorte sind extrem gefährdet.

Die Politik, auch die europäische, ist sich der Problematik bewusst. Von der Europäischen Kommission als Leakage-gefährdet eingestufte Branchen sollen auch nach 2013 alle erforderlichen Zertifikate kostenlos zugeteilt bekommen, wenn sie die effizienteste Technik einsetzen, so auch die Stahlindustrie. Besorgt zeigen sich deren Vertreter allerdings über Pläne der EU-Kommission, die bei der Stahlproduktion unvermeidlich anfallenden Prozessgase („Kuppelgase“) einer Teilversteigerung zu unterziehen, wenn diese zur Stromerzeugung eingesetzt werden. Dadurch würde eine umweltschonende Wirtschaftsweise bestraft, so Hans Jürgen Kerkhoff. Aber nicht nur hier, sondern auch bei den Stromkosten sei man auf die Unterstützung der Politik angewiesen: „Wir haben in Deutschland schon heute mit die höchsten Strompreise der Welt. Die internationale Wettbewerbsfähigkeit der stromintensiven Prozesse der Stahlindustrie, insbesondere der Elektrostahlerzeugung, ist dadurch erheblich beeinträchtigt. Daher benötigt die Stahlindustrie einen Ausgleich der zusätzlichen Stromkosten.“


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