Ein universelles Inspektionsverfahren gibt es damit immer weniger. Stattdessen steht den Betreibern ein Werkzeugkasten unterschiedlicher Systeme zur Verfügung. Welches Verfahren geeignet ist, hängt von Nennweite, Zugänglichkeit, Fragestellung, Schadensrisiko und der benötigten Informationsqualität ab.
KI unterstützt die Auswertung
Besonders dynamisch entwickelt sich derzeit die automatisierte Analyse von Inspektionsdaten. Angesichts großer Mengen an Video- und Bildmaterial bietet sich der Einsatz Künstlicher Intelligenz an. Algorithmen können Bilddaten durchsuchen, auffällige Strukturen erkennen und Vorschläge für Schadensbeschreibungen oder Kodierungen erzeugen.
Anwendungen aus der Praxis zeigen bereits, dass sich damit Teile der Zustandserfassung automatisieren lassen. Die KI übernimmt insbesondere wiederkehrende Auswertungsschritte und kann dazu beitragen, große Datenbestände schneller und einheitlicher zu bearbeiten.
Die fachliche Kontrolle bleibt jedoch entscheidend. Seltene Schadensbilder, schlechte Aufnahmebedingungen oder komplexe Situationen können zu Fehlinterpretationen führen. Entsprechend setzen aktuelle Systeme vielfach auf eine Kombination aus automatisierter Voranalyse und anschließender Prüfung durch qualifiziertes Fachpersonal.
Eine zentrale Voraussetzung ist zudem die Qualität der Eingangsdaten. KI kann nur diejenigen Merkmale zuverlässig analysieren, die auf dem Ausgangsmaterial tatsächlich erkennbar sind. Reinigung, Bildqualität und vollständige Erfassung gewinnen dadurch eher an Bedeutung, als dass sie durch die Automatisierung ersetzt würden.
Von der Inspektion zum Kanalmanagement
Mit der Digitalisierung verändert sich schließlich die Rolle der Zustandsdaten. Inspektionsvideos und Schadenskodierungen dienen nicht mehr nur als Nachweis einer einzelnen Untersuchung. Sie fließen in Kanalkataster, GIS, Sanierungsplanungen und Asset-Management-Systeme ein.
Werden Inspektionen über längere Zeiträume nach vergleichbaren Kriterien durchgeführt, lässt sich zudem die Entwicklung einzelner Schäden verfolgen. Damit rückt neben der aktuellen Zustandsklasse zunehmend die Frage in den Mittelpunkt, wie schnell sich ein Schaden verändert. Solche Informationen können helfen, Inspektionsintervalle und Sanierungszeitpunkte risikoorientierter festzulegen.
Der technische Fortschritt führt daher nicht zwangsläufig dazu, dass die klassische TV-Inspektion ersetzt wird. Vielmehr wird sie Teil einer umfassenderen digitalen Prozesskette. Kameratechnik, 360°-Erfassung, geometrische Vermessung, Drohnen und KI liefern unterschiedliche Informationen, die je nach Fragestellung miteinander kombiniert werden können.
Für Netzbetreiber liegt der entscheidende Nutzen dabei nicht in einer möglichst großen Datenmenge. Entscheidend sind belastbare, reproduzierbare und langfristig vergleichbare Informationen. Denn erst aus einer qualifizierten Zustandserfassung, einer nachvollziehbaren Klassifizierung und einer fachlichen Bewertung entsteht die Grundlage für eine wirtschaftlich und technisch belastbare Sanierungsstrategie.
Quellen
Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA): Zustand der Kanalisation in Deutschland, achte DWA-Kanalumfrage, veröffentlicht 2020, Datengrundlage 2018.
DWA-M 149-2: Zustandserfassung und -beurteilung von Entwässerungssystemen außerhalb von Gebäuden – Kodiersystem für die optische Inspektion.
DWA-M 149-3: Zustandserfassung und -beurteilung von Entwässerungssystemen außerhalb von Gebäuden – Teil 3: Beurteilung nach optischer Inspektion, Ausgabe 2024.
Güteschutz Kanalbau: Güte- und Prüfbestimmungen RAL-GZ 961, Beurteilungsgruppe Inspektion (I).
3R 01–02/2024: Smart Monitoring mit Künstlicher Intelligenz (KI).
3R 04–05/2021: Kanalquerschnitts- und Profilvermessung in der Praxis.
3R 07–08/2020: Von der Zustandserfassung zur Umsetzung – datenbankbasiertes Arbeiten als Strategie.
3R 04–05/2017: Sonderverfahren zur Zustandserfassung von Kanalisationen.
3R 07–08/2016: Technische Innovationen bei der Zustandserfassung von Kanalanlagen.
3R, 2026: Von Drohnen bis KI: Intelligente Technologien für den Kanalbetrieb.
Herstellerinformationen von IBAK, JT-elektronik und CanSol zu TV-Inspektion, 360°-Kameratechnik, Vermessungsverfahren und KI-gestützter Auswertung.