1. Technische Grundlagen
Freileitungen sind thermisch begrenzt, weil sich Leiter durch ohmsche Verluste erwärmen und dadurch der Durchhang zunimmt. Der WFB berücksichtigt diese physikalischen Zusammenhänge und erlaubt bei günstiger Witterung höhere Ströme, ohne die zulässige Leitertemperatur oder Sicherheitsabstände zu überschreiten. In der Praxis kann dies Kapazitätsreserven von 10 bis über 50 Prozent gegenüber dem statischen Bemessungsstrom erschließen.
Die Folge ist jedoch ein variabler Betriebszustand mit zeitlich schwankenden Stromwerten. Genau diese Schwankungen beeinflussen benachbarte Stahlrohrleitungen, weil sich das magnetische Wechselfeld der Freileitung mit dem Leiterstrom verändert. Besonders relevant sind lange Parallelführungen, kleine Abstände und unzureichend ausgelegte Erdungs- und Schutzsysteme.
2. Beeinflussung von Rohrleitungen
Stahlrohrleitungen können durch kapazitive, induktive und galvanische Kopplung beeinflusst werden, wobei im Erdreich meist die induktive Beeinflussung dominiert. Das magnetische Wechselfeld induziert entlang der Leitung eine Längsspannung, die sich mit Parallelführungslänge, Abstand und Geometrie erhöht. Bei witterungsabhängig erhöhten Leiterströmen nimmt auch diese induzierte Spannung proportional zu.
Die praktische Relevanz liegt nicht nur im Personenschutz, sondern auch im Anlagenbetrieb: Werden zulässige Berührungsspannungen überschritten, entsteht ein Sicherheitsrisiko für Wartungspersonal und Dritte. Gleichzeitig kann eine erhöhte Wechselspannung an Beschichtungsfehlern die elektrochemischen Bedingungen so verändern, dass Wechselstromkorrosion begünstigt wird.
3. Wechselstromkorrosion
Wechselstromkorrosion ist ein elektrochemischer Schädigungsmechanismus an Metalloberflächen im Elektrolyten Boden. An Fehlstellen der Beschichtung kann Wechselstrom in das Erdreich abfließen und dort Korrosionsreaktionen auslösen. Obwohl sich anodische und kathodische Halbwellen scheinbar ausgleichen, führen elektrochemische Asymmetrien zu messbarem Materialabtrag.
Für die Bewertung werden insbesondere Wechselstromdichte und lokale Bodenverhältnisse herangezogen. Die in den Unterlagen genannten Schwellen von 30 A/m² und 100 A/m² markieren ein erhöhtes bzw. hohes Risiko. Entscheidend ist, dass sich unter WFB-Bedingungen die Beeinflussung nicht nur kurzzeitig, sondern auch wiederholt und in Lastspitzen verstärken kann.
4. Normen und Bewertung
Die Bewertung von Wechselstrombeeinflussung und Korrosionsrisiko stützt sich auf einschlägige Regelwerke wie DIN EN 15280 beziehungsweise deren Nachfolgeregeln sowie auf die Anforderungen an kathodischen Korrosionsschutz nach DIN EN ISO 15589-1. Diese Normen beschreiben Grenzwerte, Messverfahren und Schutzkonzepte für erdverlegte Rohrleitungen. Für die praktische Planung ist wichtig, nicht nur den statischen Betrieb, sondern auch die maximal erreichbaren WFB-Ströme zu berücksichtigen.
Ergänzend wird in den Unterlagen auf die Notwendigkeit verwiesen, bei Hochspannungsbeeinflussung geeignete Abgrenzeinheiten und Ableitsysteme vorzusehen. Das ist fachlich konsequent, weil Schutz- und Messkonzepte nur dann belastbar sind, wenn sie die reale Betriebsdynamik der Freileitung abbilden. Gerade bei späteren Änderungen des Betriebskonzepts muss die Beeinflussungsbewertung neu geprüft werden.
5. Schutzmaßnahmen
Als zentrale Maßnahme gilt eine verbesserte Erdung der Rohrleitung, möglichst in Kombination mit AC-Abgrenzeinheiten. Diese Systeme leiten Wechselströme gezielt ins Erdreich ab, ohne den Gleichstromanteil des kathodischen Korrosionsschutzes zu unterbrechen. Zusätzlich können Isolierstöße, geeignete Trassenführung und größere Abstände zur Freileitung die Beeinflussung deutlich reduzieren.
Ein weiterer Schwerpunkt ist das kontinuierliche Monitoring. Messstellen mit Probeblechen, Datenloggern oder DFI-Systemen erlauben die Bewertung von AC- und DC-Potentialen unter realen Betriebsbedingungen. Das ist besonders wichtig, weil klassische Abschaltmessungen durch Ausgleichsströme und überlagerte AC-Anteile verfälscht werden können.
6. Fazit
Der witterungsabhängige Freileitungsbetrieb ist ein wirksames Instrument zur besseren Nutzung bestehender Stromnetze. Für parallel verlaufende Stahlrohrleitungen verschärft er jedoch die elektromagnetische Beeinflussung und damit das Risiko von Berührungsspannungen und Wechselstromkorrosion. Deshalb müssen Planungs- und Betriebsentscheidungen von Netz- und Rohrleitungsbetreibern zusammen gedacht werden.
Technisch belastbar ist ein sicherer Parallelbetrieb nur mit normgerechter Beeinflussungsberechnung, geeigneter Erdung, AC-Abgrenzeinheiten, dauerhaftem Monitoring und einem KKS-Nachweis unter realen Betriebsbedingungen. Wo diese Elemente konsequent umgesetzt werden, lässt sich die Flexibilität des Freileitungsbetriebs nutzen, ohne den Schutz der Stahlrohrleitungen zu vernachlässigen.
Quellen:
Vulkan Verlag GmbH, Essen, 3R (2026) Nr. 1-2
https://www.dinmedia.de/de/norm/din-en-15280/178469404
https://www.dinmedia.de/de/norm/din-en-iso-15589-1/279496886
https://www.dke.de/de/normen-standards/dokument?id=7142842&type=dke|dokument
https://www.tugraz.at/fileadmin/user_upload/Events/Eninnov2010/files/pr/PR_Braunstein.pdf
https://www.vde.com/de/fnn/dokumente/alle-vde-anwendungsregeln
https://www.pp-engineering.com/wechselstromkorrosion/