Auch die deutsch-marokkanische Partnerschaft nimmt bereits konkrete Formen an. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) investiert über den PtX-Entwicklungsfonds 30 Millionen Euro in ein Projekt in der Industriezone Jorf Lasfar, rund 100 Kilometer südlich von Casablanca. Die Förderung geht an die Projektentwicklungsgesellschaft Hydrojeel der marokkanischen OCP-Gruppe, einem der weltgrößten Düngemittelproduzenten.
Die Anlage, die mit Wind- und Solarenergie betrieben wird, soll bis Ende 2026 jährlich bis zu 100.000 Tonnen grünes Ammoniak produzieren und dabei rund 300.000 Tonnen CO₂ einsparen. Langfristig ist eine Kapazitätssteigerung auf drei Millionen Tonnen geplant. Das Projekt ist Teil der Deutsch-Marokkanischen Allianz für Klima und Energie.
Infrastruktur im Aufbau
Um die ambitionierten Ziele zu erreichen, baut Marokko seine Infrastruktur massiv aus. Neben dem kontinuierlichen Ausbau von Wind- und Solarkapazitäten entstehen Übergangsvorhaben wie LNG-Terminals und Gaskraftwerke zur Netzstabilisierung während der Hochlaufphase der Wasserstoffindustrie. Häfen werden für den Export von Ammoniak vorbereitet, während großskalige Meerwasserentsalzungsanlagen den Wasserbedarf der Elektrolyse decken sollen.
Fazit: Nordafrikas gemeinsamer Weg zum Wasserstoff-Hub
Die vier Maghreb-Staaten eint mehr als ihre geografische Lage: Sie alle verfügen über außergewöhnliche Sonneneinstrahlung, weitläufige ungenutzte Flächen und – mit Ausnahme Marokkos – etablierte Energieexportbeziehungen zu Europa. Alle Länder haben zudem in den Jahren 2023 und 2024 nationale Wasserstoffstrategien veröffentlicht oder konkretisiert und streben Produktionsmengen im Millionen-Tonnen-Bereich an. Die Zielsetzungen sind bemerkenswert ähnlich: Ägypten peilt 9,2 Millionen Tonnen bis 2040 an und Tunesien 8,3 Millionen Tonnen bis 2050, während Algerien 10 Prozent des EU-Bedarfs und Marokko sogar 4 Prozent des weltweiten Bedarfs decken will.
Bemerkenswert ist auch die Konvergenz bei den Transportlösungen: Alle setzen primär auf Ammoniak als Exportmedium für den Schiffstransport, während gleichzeitig am SoutH2-Korridor gearbeitet wird – einer Pipeline-Vision, die Algerien, Tunesien, Italien und Österreich bis nach Deutschland verbinden soll. Die europäischen Wasserstoffstrategien spielt dabei eine katalytische Rolle: Mit Ägypten (Fertiglobe/H2Global), Tunesien (Verbund/H2 Notos), Algerien (VNG-Partnerschaft) und Marokko (Referenzanlage Jorf Lasfar) haben alle vier Staaten bereits Abnahmevereinbarungen oder Kooperationsprojekte mit deutschen bzw. europäischen Partnern unterzeichnet.
Gemeinsame Herausforderungen
Die Hürden auf dem Weg zum Wasserstoff-Hub sind ebenfalls ähnlich. Die Wasserknappheit in der Region erfordert überall teure Meerwasserentsalzungsanlagen – ein Kostenfaktor, der die Wettbewerbsfähigkeit beeinflussen wird. Alle vier Länder ringen mit der Balance zwischen lukrativen Exporten und dem Aufbau lokaler Wertschöpfungsketten. Die öffentlichen Debatten drehen sich um dieselben Themen: faire Verteilung der Einnahmen, Schaffung lokaler Arbeitsplätze und ökologische Nachhaltigkeit.
Infrastrukturell stehen alle vor der Herausforderung, massive Investitionen in Stromnetze, Häfen und Transportwege zu stemmen – Tunesien kalkuliert allein 120 Milliarden Euro bis 2050, Ägyptens Pipeline umfasst Projekte im Wert von über 100 Milliarden Dollar. Die Finanzierung zu wettbewerbsfähigen Kapitalkosten und die Zertifizierung nach EU-Standards für "grünen" Wasserstoff sind weitere gemeinsame Hürden.
Libyen: Das fehlende Puzzleteil
Auffällig absent in dieser nordafrikanischen Wasserstoff-Allianz ist Libyen. Das Land verfügt theoretisch über ähnlich gute Voraussetzungen wie seine Nachbarn: intensive Sonneneinstrahlung, riesige Wüstenflächen, eine lange Historie als Energieexporteur und bestehende Öl- und Gasinfrastruktur. Doch der seit 2011 mit wechselnder Intensität andauernde Bürgerkrieg und die politische Instabilität mit konkurrierenden Regierungen haben das Land von der Wasserstoffentwicklung abgekoppelt. Während die Nachbarstaaten Strategien veröffentlichen und Milliardenprojekte unterzeichnen, fehlen aus Libyen verlässliche Informationen über Wasserstoffpläne. Das Land bleibt vorerst ein weißer Fleck auf der Wasserstoff-Landkarte – ein schlafender Riese mit enormem Potenzial, dessen Erwachen die regionale Dynamik noch einmal verändern könnte.
Ausblick: Nordafrika als Europas Energiepartner
Nordafrika entwickelt sich langsam, aber sicher zum strategischen Wasserstoffpartner Europas. Gelingt es den nordafrikanischen Staaten, ihre ambitionierten Pläne umzusetzen und dabei soziale und ökologische Nachhaltigkeit zu gewährleisten, könnte die Region bis 2040 tatsächlich einen substantiellen Teil des europäischen Wasserstoffbedarfs decken.
Die wire Middle East Africa in Kairo bietet die perfekte Gelegenheit, mehr über die Wasserstoffprojekte in Nordafrika und deren Geschäftspotenziale zu erfahren. Als führende Fachmesse für die Draht-, Kabel- und Röhrenindustrie in der Region bringt sie genau jene Branchen zusammen, die für den Aufbau der Wasserstoffinfrastruktur essentiell sind – von Elektrolyseuren über Pipelines bis zu Speichersystemen. Mit Ägypten als Gastgeberland bietet die Messe dabei direkten Zugang zu einem der dynamischsten Wasserstoffmärkte Afrikas. Nutzen Sie die Gelegenheit zum Austausch mit lokalen und internationalen Akteuren der entstehenden Wasserstoffwirtschaft. Weitere Informationen zur Messe finden Sie unter: https://www.wire-mea.com/