Wie behauptet sich ein Hersteller von Wärmebehandlungsanlagen mit Schwerpunkt auf der Automobilindustrie in Zeiten des Umbruchs? In diesem Exklusivinterview mit heat processing erklärt CEO Christian Grosspointner, wie die in Österreich ansässige Aichelin Group mit dem alten Prinzip „global denken, lokal handeln“ durch internationale strategische Partnerschaften, die Neupositionierung der Marke „Aichelin“ und konsequente Digitalisierung auf Erfolgskurs bleibt.
hp: Herr Grosspointner, die geopolitischen Spannungen haben sich in den letzten Jahren massiv verschärft. Wie positioniert sich die Aichelin-Gruppe in diesem veränderten Umfeld von Entkopplung, Deglobalisierung und nationaler Protektionismuspolitik?
Christian Grosspointner: Als Gruppe können wir sagen, dass es uns relativ gut geht. Das ist jedoch kein Zufall, sondern das Ergebnis einer gezielten Unternehmensphilosophie, die wir seit Jahren konsequent verfolgen. Wir haben uns frühzeitig auf eine starke Lokalisierung konzentriert: Wir produzieren in Europa für Europa, in Nordamerika für Nordamerika und in Asien für Asien. Diese regionale Verankerung unseres Geschäfts erweist sich gerade in diesen turbulenten Zeiten als enormer Vorteil. Die geopolitischen Spannungen mit ihren Auswirkungen auf Zölle und Handelsbeziehungen spüren wir in unserem direkten Geschäft nicht so stark wie andere Unternehmen.
hp: Europa hat derzeit mit enormen strukturellen Problemen zu kämpfen – die hohen Energie- und Arbeitskosten erweisen sich zunehmend als Standortkiller und führen vielerorts zu Produktionsverlagerungen. Wie konkret spüren Sie diese zunehmende Deindustrialisierung in der EU?
Grosspointner: Wir beobachten immer wieder, dass Unternehmen Europa verlassen, weil die Produktion hier einfach zu teuer geworden ist. Die Kombination aus hohen Arbeitskosten und explodierenden Energiepreisen belastet die Wettbewerbsfähigkeit erheblich. Vor allem größere Unternehmen verlagern ihre Produktion beispielsweise nach Indien oder in andere asiatische Länder. Interessant ist, dass wir Anfragen aus diesen Ländern erhalten und auch an diesen Projekten beteiligt sind – für den Industriestandort Europa ist diese Entwicklung jedoch sehr problematisch.
hp: Wie reagieren Sie darauf?
Grosspointner: Der Markt ist eindeutig rückläufig, was uns veranlasst hat, in den letzten zwei Jahren einen Konsolidierungsprozess unserer europäischen Unternehmen einzuleiten. Wir haben uns schlanker und agiler aufgestellt, weil wir realistisch davon ausgehen müssen, dass das Neugeschäft nicht so schnell zu seiner gewohnten Form zurückkehren wird. Dennoch bleibt der europäische Markt für uns strategisch relevant – aber er braucht neue Impulse.
hp: Trotz dieser Herausforderungen findet parallel dazu eine gewisse Reindustrialisierung in der EU statt – Stichwort Batterieinfrastruktur für die E-Mobilität. Bietet die Elektromobilität tatsächlich neue kompensatorische Geschäftsfelder für Aichelin?
Grosspointner: Aichelin war traditionell führend in der Automobilindustrie, insbesondere mit großen Stoßöfen. Dieser Bereich ist zwar rückläufig, aber gleichzeitig investiert die Automobilindustrie weiter – nur anders als zuvor. Die Anforderungen haben sich grundlegend geändert – heute werden deutlich kleinere und flexiblere Anlagen benötigt als früher, als es vor allem um den Durchsatz ging.
hp: Wie beurteilen Sie die Entwicklungen speziell in der Batterietechnologie?
Grosspointner: Im Bereich der Batterietechnologie arbeiten wir seit mehreren Jahren erfolgreich mit einem chinesischen Hersteller zusammen, der speziell für Batteriepulver entwickelte Wärmebehandlungsanlagen herstellt. Darüber hinaus arbeiten wir an einem integrierten Verfahren für das mechanische und metallurgische Recycling von Batteriematerialien. Sowohl dieser Bereich als auch die Wärmebehandlung von Batteriepulver sind technisch anspruchsvolle, aber wachstumsstarke Segmente mit großem Potenzial.
hp: Gilt dies auch für den europäischen Markt?
Grosspointner: Das größte Hindernis für Batteriefabriken in Europa sind Bürokratie und gesetzliche Auflagen – und leider handelt es sich hierbei nicht um einen Einzelfall, sondern um ein systemisches Problem. Wir hatten Kunden, die ehrgeizige Projekte in Europa geplant hatten, aber nach zwei Jahren ohne nennenswerte Fortschritte bei den Genehmigungsverfahren aufgegeben haben. Im Vergleich dazu erhielten sie in Nordamerika innerhalb eines halben Jahres alle erforderlichen Genehmigungen und konnten loslegen.
hp: Dennoch werden derzeit immer mehr Batteriefabriken in Europa gebaut.
Grosspointner: In Europa werden tatsächlich viele neue Batteriefabriken gebaut – allerdings stammen die größten Investitionen oft von chinesischen Unternehmen. Viele dieser Akteure fühlen sich von Osteuropa angezogen, weil sie dort von niedrigeren Arbeits- und Energiekosten sowie einer vergleichsweise weniger komplexen Bürokratie profitieren. Das verschafft ihnen Wettbewerbsvorteile, insbesondere in Bezug auf Margen und Umsetzungszeit.
hp: Glauben Sie, dass insbesondere strategische Partnerschaften dazu beitragen können, Europa für die Branche wieder attraktiver zu machen?
Grosspointner: Partnerschaften sind wichtig, aber ich denke, dass vor allem technische Innovationen der Schlüssel sind, um Europa wieder zu seiner früheren Stärke zurückzuführen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Europa wieder erfolgreich sein kann – aber nur, wenn wir endlich aus unserem Dornröschenschlaf erwachen und wieder echte Innovationskraft und Leistungsbereitschaft entwickeln. Es war schon immer unser Markenzeichen, neue Industriezweige zu entwickeln und bahnbrechende Technologien zu eruieren – aber das kommt nicht von alleine. Wir müssen lernen, dass sich die Dinge ändern, und wir müssen bereit sein, gegebenenfalls Kompromisse einzugehen.
hp: Kompromisse sind derzeit besonders notwendig, wenn es um Nachhaltigkeit geht. Wie gehen Sie hier vor, ohne in oberflächliches Greenwashing zu verfallen?
Grosspointner: Ich lehne Greenwashing und theoretische Annahmen, die realitätsfern sind, entschieden ab – das ist nicht nur unehrlich, sondern auch kontraproduktiv. Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit sind wichtige Themen, aber wir müssen realistisch bleiben. Wärmebehandlungsanlagen sind immer energieintensiv – das liegt in ihrer Natur. Zu behaupten, ich hätte einen „grünen Ofen”, wird der Realität nicht gerecht, selbst wenn der Ofen elektrisch beheizt wird und der Strom theoretisch aus Solarenergie stammt. Was wir unseren Kunden jedoch ehrlich anbieten können, ist konkrete Unterstützung bei der messbaren Reduzierung des Energieverbrauchs – durch Datenanalyse, präzise Steuerung oder simulationsgestützte Anlagenplanung.
hp: Wie verändern diese Herausforderungen konkret Ihr Geschäftsmodell und Ihre Arbeitsweise?
Grosspointner: Die digitale Transformation ist der entscheidende Wegbereiter für die grüne Transformation – diese beiden Entwicklungen sind untrennbar miteinander verbunden. Nehmen wir zum Beispiel die Prozessgasregelung, bei der überschüssiges Gas manchmal noch abgefackelt wird. Wenn wir dies effizienter steuern wollen, funktioniert das nur mit digitalen Prozessen. Die Daten müssen in Echtzeit verarbeitet werden, damit wir schnell reagieren und die Anlage entsprechend anpassen können. Dazu sind intelligente Systeme wie KI-Anwendungen und präzise Datenanalysen erforderlich.
hp: Gibt es noch andere Bereiche, in denen Sie zunehmend auf Digitalisierung setzen?
Grosspointner: Wenn wir über Digitalisierung sprechen, müssen wir zwangsläufig auch über Wissensmanagement sprechen – und das ist gerade in Europa ein kritisches Thema. Derzeit geht eine ganze Generation erfahrener Techniker in den Ruhestand, die in den letzten 20 bis 40 Jahren maßgeblich zum Aufbau unserer Branche beigetragen
hat. Das wirft zwangsläufig die Frage auf: Wie kann ich dieses wertvolle Know-how bewahren und der jüngeren Generation zugänglich machen?
hp: Wie sieht Ihr Lösungsansatz aus?
Grosspointner: Hier kommt künstliche Intelligenz auf sehr praktische Weise ins Spiel. Im Laufe der Jahre haben wir einen enormen Schatz an Daten, Dokumentationen und detaillierten Aufzeichnungen angesammelt. Wenn jedoch ein junger Ingenieur in das Unternehmen eintritt, wird er sich in dieser riesigen Informationsmenge niemals zurechtfinden. Mit KI können wir das über Jahrzehnte gesammelte Know-how systematisch zugänglich machen.
hp: Angesichts des rückläufigen Neugeschäfts in Europa – welche Rolle spielt der Servicebereich heute für Aichelin?
Grosspointner: Service ist für uns weit mehr als nur Wartung – er ist ein strategisches Produkt. Diese veränderte Sichtweise ist eine Reaktion auf einen klaren Branchentrend: Viele Industriekunden greifen zunehmend auf externes Fachwissen zurück. Wir haben dies erkannt und 2024 unser globales Servicenetzwerk gezielt um neue Expertenteams und regionale Supportleistungen in wichtigen Märkten erweitert. Unser Anspruch ist es, Kunden nicht nur im Einzelfall zu unterstützen, sondern sie als zuverlässiger Partner über den gesamten Lebenszyklus ihrer Anlage zu begleiten – vom Bau über die Produktion und Inbetriebnahme bis hin zur vorbeugenden Wartung, Modernisierung und Nachrüstung. Technische Kompetenz, schnelle Reaktionszeiten und hohe Verfügbarkeit gehören zu unseren zentralen Serviceversprechen.
hp: Was bedeutet es konkret für Aichelin, sich als Lebenszykluspartner zu positionieren – auch im Hinblick auf neue Serviceformate?
Grosspointner: Aufbauend auf dieser Entwicklung haben wir das Konzept „Service as a Product“ eingeführt. Dahinter stehen modular aufgebaute, standardisierte Servicepakete, die flexibel an die individuellen Kundenbedürfnisse angepasst werden können – unabhängig davon, ob wir die Anlage selbst gebaut haben oder nicht. Auf diese Weise können wir unsere Dienstleistungen skalierbar, effizient und standortunabhängig anbieten. Dies ist für uns ein wesentlicher Schritt, um dem sich wandelnden Markt mit einem zukunftssicheren, unabhängigen Geschäftsmodell zu begegnen.
hp: Was tun Sie noch, um in Zeiten des Fachkräftemangels für junge Ingenieure als Arbeitgeber attraktiv zu sein?
Grosspointner: Die Mitarbeiter von heute möchten viel besser über den Zweck ihrer Arbeit informiert sein. Das ist übrigens kein rein europäisches Phänomen, sondern ein weltweiter Trend. Der Kern unserer neuen Unternehmensstrategie besteht daher auch und gerade darin, dass wir die Mitarbeiter stärker einbeziehen und ihnen in einem intensiven Dialog vermitteln, wofür das Unternehmen steht, wohin wir uns entwickeln wollen und dass ihre Arbeit sinnvoll ist. Wenn uns das gelingt und wir gleichzeitig eine neue Leistungsmentalität entwickeln, dann kann Europa durchaus eine industrielle Renaissance erleben.
hp: Welche Technologien halten Sie für die Zukunft von Aichelin für strategisch wichtig?
Grosspointner: Es gibt tatsächlich Technologiebereiche, in denen wir nicht so stark positioniert sind, wie wir es sein könnten. Wir prüfen intensiv, welche Möglichkeiten es in diesem Bereich gibt und welche Unternehmen strategisch zu uns passen könnten. Die Zukunft sehen wir definitiv in digitalen Zwillingen und Simulationen, die wir bereits zunehmend einsetzen. In unserem Technikzentrum experimentieren wir kontinuierlich – sei es in Richtung Wasserstoff, neue Medien oder elektrische Beheizung. Wir versuchen, all diese Entwicklungen vorab zu simulieren, bevor wir sie in die Praxis umsetzen. Das spart nicht nur Zeit und Kosten, sondern ermöglicht es uns auch, unseren Kunden bereits in der Planungsphase sehr präzise Aussagen zu machen.
hp: Sie haben elektrische Heizungen erwähnt – wo sehen Sie generell die Zukunft der Heiztechnik?
Grosspointner: Die Zukunft wird definitiv elektrischer sein – daran führt kein Weg vorbei. Die Frage ist nur: wann, in welcher Form und wie schnell. Wir müssen strategisch überlegen, wo und in welchem Tempo erdgasbetriebene Systeme durch elektrische Heizformen ersetzt werden können. Diese Entwicklung kommt definitiv, aber sie schreitet nicht so schnell voran, wie wir alle vor zwei Jahren geglaubt haben.
hp: Was bremst sie?
Grosspointner: Eine solche Umstellung kostet entsprechend viel Geld, und die aktuellen Strompreise und Infrastrukturangebote sind noch nicht attraktiv genug, damit sich elektrische Energie gegenüber Gas durchsetzen kann. In Asien, beispielsweise in China, sind 90 % unserer Anlagen seit Jahren elektrifiziert. China ist Europa in dieser Hinsicht weit voraus und setzt seit Jahren konsequent auf elektrische Lösungen. Das zeigt, dass es technisch machbar ist – es ist eine Frage des Willens und der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
hp: Zum Schluss: Wie optimistisch sind Sie hinsichtlich der Zukunft der europäischen Industrie?
Grosspointner: Ich bin recht optimistisch für Europa – aber nur unter der Voraussetzung, dass wir jetzt den richtigen Kurs einschlagen. Europa hat nach wie vor enormes Potenzial, aber wir müssen endlich aufhören, ständig alles schlechtzureden, und stattdessen wieder gemeinsam an konstruktiven Lösungen arbeiten. Jeder Wandel birgt auch eine Chance. Wir müssen offen und aufgeschlossen sein, schauen, wo sich neue Möglichkeiten ergeben – und diese dann konsequent nutzen. Europa kann wieder erfolgreich sein, aber wir müssen bereit sein, uns zu bewegen und zu verändern.
Dipl.-Ing. Christian Grosspointner, MSc, übernahm 2022 die Position des CEO der AICHELIN-Gruppe und trat damit die Nachfolge von Dr. Peter Schobesberger an, der dieses Amt 23 Jahre lang innehatte. Der ausgebildete Wirtschaftsingenieur verfügt über umfangreiche Führungserfahrung aus der Leitung von Fertigungsbetrieben im internationalen Maschinen- und Anlagenbau sowie in der Metallverarbeitung. Als CEO der AICHELIN Gruppe ist Grosspointner derzeit insbesondere für die strategische Entwicklung des traditionsreichen Unternehmens mit globaler Ausrichtung verantwortlich.