"Immer die ganze Wertschöpfungskette im Blick"

5 Fragen an Leiter Managementsysteme und Produktentwicklung bei Steeltec

Leichtbau und Leistungssteigerung sind branchenübergreifend die wichtigsten Argumente für Speziallangstähle, wenn es um die Fertigung von Hightech-Bauteilen geht. Um Herstellern wettbewerbsfähige Komponenten zu ermöglichen und sich selbst als Qualitätsführer am Markt zu positionieren, entwickeln die Stahlproduzenten ihre Technologien permanent weiter.

Ein aktuelles Beispiel ist die neue Blankstahlinnovation für dynamische Belastungen von der Steeltec Gruppe, einem Unternehmen von SCHMOLZ + BICKENBACH. Die Redaktion sprach mit Guido Olschewski, Leiter Managementsysteme und Produktentwicklung bei Steeltec, über aktuelle Herausforderungen bei der Herstellung anforderungsgerechter Spezialstähle.

© STEELTEC / SCHMOLZ + BICKENBACH GROUP

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Wire: Herr Olschewski, was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen bei der Entwicklung von Spezialstahlprodukten und wie meistern Sie diese?

Guido Olschewski: Wir bei Steeltec arbeiten als Entwicklungspartner unserer Kunden permanent daran, die technologischen Möglichkeiten in der Stahlherstellung zu verbessern. Eine hohe Kompetenz und moderne Technologien in der Stahlproduktion sind dafür unabdingbar. Nur so können Stahlunternehmen ein optimales Stahlprodukt anbieten.

In Bezug auf den aktuell stärksten Entwicklungstrend im Bereich Hightech, den Leichtbau, umfassen die Anforderungen der Kunden branchenübergreifend die drei Attribute Wirtschaftlichkeit, Leistung und Ressourceneffizienz. Um Bauteile in ihrer Größe und ihrer Performance auch unter dynamischer Belastung deutlich zu verbessern, sind Langstähle mit einer exzellenten Festigkeit und hervorragenden Zähigkeit erforderlich.

Das sind zwei eigentlich gegenläufige Eigenschaften. Mit unserer neu entwickelten Technologie gelingt es uns, diese zwei Eigenschaften in einem Stahlprodukt zu vereinen und das Gefüge der Werkstoffe zu verbessern.

© STEELTEC / SCHMOLZ + BICKENBACH GROUP

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Was zeichnet Ihre neue Stahltechnologie aus und was ist innovativ daran?

Unsere neue Technologie ist auf alle Standardwerkstoffe, darunter Kohlenstoffstahl, allgemeinen Baustahl sowie Vergütungs- und Einsatzstahl, anwendbar. Durch eine gezielte Temperaturführung entsteht ein ultrafeinkörniges, homogenes Gefüge mit Korngrößen von weniger als 5 µm. Dadurch steigern wir die Festigkeit und Zähigkeit und können die dynamische Belastbarkeit des Stahls um mindestens zehn Prozent erhöhen.

Eine Besonderheit der technologisch optimierten Stahllösungen ist, dass sie auch noch bei -40° C über gute, kaltzähe Eigenschaften verfügen und den Belastungen in der Anwendung standhalten. Die XTP-Technologie ist unter anderem interessant für hochanspruchsvolle Bauteile wie Bolzen und Schrauben für Baumaschinen und Schneeraupen, Wellen in Getriebe- und Elektromotoren oder Signaltechnik der Eisenbahnindustrie. Das Innovative an der Technologie ist die individuell auf die Stahleigenschaften einstellbare Prozessführung.

© STEELTEC / SCHMOLZ + BICKENBACH GROUP

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Welche Vorteile ergeben sich dadurch für Ihre Kunden?

Unsere neueste technologische Entwicklung ermöglicht Langstähle mit verbesserten mechanischen Eigenschaften – ohne dass teure Legierungselemente zum Einsatz kommen. Unsere Kunden profitieren im Ergebnis von kurzen Entwicklungszeiten beim Stahlhersteller, einer wirtschaftlichen und effizienten Weiterverarbeitung des Stahls sowie deutlich verlängerten Technologielebenszyklen in der Anwendung.

Wir haben diesen Bedarf mit der Herausforderung Tieftemperatur kombiniert und eine neue Stahltechnologie entwickelt. Tiefe Temperaturen mindern die Zähigkeit von Standardwerkstoffen. Bauteilversagen ist die Folge. Mit unserer Lösung wirken wir dem effektiv entgegen. Wir kennen die Wirkung der technischen Parameter in der Stahlproduktion und ermöglichen unseren Kunden optimale Stahllösungen für extreme Einsatzbedingungen.

Damit stärken wir unsere Position als Technologieführer im Bereich Spezialstahl und erschließen neben den bestehenden Absatzmärkten Automotive, Hydraulik und Maschinenbau neue Branchen, wie die Öl- und Gasindustrie, die Kältetechnik und die Luftfahrtindustrie.

Verraten Sie uns das Geheimnis, das hinter dieser innovativen Lösung steckt?

Das Geheimnis der XTP-Technologie ist die gezielte thermomechanische Prozessführung und das exakt aufeinander abgestimmte Verhältnis von Energie und Kraft. Es gilt: Je feiner das Korn, desto stärker der Stahl. Die Kornfeinung hat den Vorteil, dass sie das bereits erwähnte Verhältnis von Festigkeit und Zähigkeit verbessert und auf diese Weise das Eigenschaftspotenzial des Stahls voll entfaltet.

Um den optimalen Grad der Feinjustierung für die kundenspezifische Anwendung zu erreichen, bietet die XTP-Technologie große Freiheitsgrade in der anforderungsgerechten Einstellung der Prozessparameter. Durch unsere umfangreichen technischen Möglichkeiten erreichen wir das optimale Stahlergebnis, das individuell für jeden Kunden entwickelt wird.

© STEELTEC / SCHMOLZ + BICKENBACH GROUP

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Wie gewährleisten Sie Ihren Kunden, dass die Entwicklungszeiten möglichst kurz sind?

Um ein optimales Stahlprodukt zu ermöglichen, stehen wir in engem Austausch mit unseren Kunden und können so bereits im Vorfeld der Prototypenfertigung mögliche Fehler in der Prozesskette erkennen und effektiv vermeiden. Dafür operieren wir mit Wissensdatenbanken, die sämtliche werkstofftechnischen Daten aus Versuchen und Projekten abbilden, sowie mit Berechnungsmodellen.

So können wir zeiteffizient die Anwendungsanforderungen mit den Eigenschaften der Stahlsorten abgleichen und die optimalen technologischen Parameter für unsere Fertigung berechnen – ohne aufwändige Trial-and-Error-Versuche zu fahren.

Bei der Entwicklung und Optimierung von Stählen haben wir immer die ganze Wertschöpfungskette im Blick, von der Stahlherstellung über die Prozesse beim Stahlverarbeiter und in der Bauteilproduktion bis zum tatsächlichen Einsatz des Endprodukts. Steeltec-Kunden profitieren von der stärksten Stahllösung für ihre Anwendung.

Wir danken Ihnen für das Gespräch, Herr Olschewski.

Redaktion: Frank Lindner